top of page

"Der rote Faden"

26. Feb.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Apr.


Als Hilfe zur Bewältigung posttraumatischer Belastungsstörungen hat die die Heinrich-Mörtl-Stiftung einen Praxis-Ratgeber mit dem Titel "Der rote Faden" finanziert. Polizeibedienstete können es unentgeltlich bei der Stiftung bestellen.


PTBS nach Polizeieinsätzen - eine beispielhafte Geschichte


Zu Beginn der Polizeilaufbahn sah alles so vielversprechend aus. Aber seit dem Einsatz mit dem verunfallten Kind ist nichts mehr wie zuvor. Alpträume, Erinnerungsfetzen und Niedergeschlagenheit bestimmen plötzlich das Leben - und auf einmal scheint alles zu entgleiten ...


Polizistinnen und Polizisten werden im Einsatz immer wieder mit belastenden Ereignissen konfrontiert, die sich wie ein roter Faden durch ihren Berufsalltag ziehen. Es kann passieren, dass solche Erfahrungen zu einer psychischen Überforderung, einem Schwinden der Selbstheilungskräfte führen und in einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gipfeln können. Das Buch „Der rote Faden" beschreibt Auslöser und Symptome des weit verbreiteten Krankheitsbildes und gibt Betroffenen sowie ihren Angehörigen Anleitung zur Hilfe und Selbsthilfe.


Hintergrund

Polizistinnen und Polizisten haben ein erhöhtes Risiko als andere Berufsgruppen, im laufe ihres Berufslebens an einer PTBS zu erkranken. Das Zentrum für polizeipsychologische Dienste und Services (ZPD) sowie das PSU-Netzwerk der hessischen Polizei bieten Betroffenen ein breites Spektrum an Unterstützung an. Das Buch „Der rote Faden" ergänzt das bestehende Angebot um eine Publikation, die im beraterischen Setting eingesetzt werden kann.


Das Buch entstand im Rahmen einer Zusammenarbeit von ZPD und dem Künstlerinnen-Duo Kathrin Schrocke und Lilli L 'Arronge.


Die Ausgangsfrage „Wie kann eine Traumatisierung bildhaft dargestellt werden?" mündete im Sinnbild des roten Fadens. Das emotionale Rüstzeug, das Berufsanfängerinnen und -anfänger mitbringen, kann im Lauf der Dienstjahre schwinden. Immer wiederkehrende belastende Erlebnisse können zu einem langsamen Auflösen der Resilienz führen, die im Buch als schützender Umhang dargestellt wird. Am Schluss bleibt nur noch ein loser roter Faden. An ihm entlang hangeln sich Beraterin und Klient durch die individuelle Berufsbiografie, um gemeinsam zu ergründen, wie es zur Erkrankung kommen konnte und wo verbliebene Kraftquellen sind.


Am Ende des Buches werden drei Übungen zu den Themenbereichen „Stoppen des negativen Gedankenflusses", ,,Auflösen von Schmerzen" und „Kontrollverlust beenden" visuell dargestellt.


Kurzinterview mit Psychotherapeutin Annika Willrich (ZPD):


Ein Bilderbuch als Hilfsmittel im beraterischen Setting. Das klingt im ersten Moment irritierend. Was können Bilder schaffen, das einem im Beratungsgespräch nicht gelingt?

Das Sprechen über traumatische Erlebnisse ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist einerseits notwendig, um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen. Gleichzeitig aber löst es mitunter starke Emotionen und Körperreaktionen aus. Berichtet jemand über ein erlebtes Trauma, führt das häufig zu Flashbacks mit emotional stark belastenden Bildern. Nicht ohne Grund vermeiden Traumatisierte deshalb alles, was Erinnerungen an das erlebte Trauma auslöst.

Das Buch bietet die Möglichkeit, Bilder erst einmal auf sich wirken und sich setzen zu lassen, ehe man das Gesehene auf die eigene Lebenswelt bezieht. Bilder haben zudem die Macht, Emotionen wunderbar ausdrücken zu können und dies mitunter in einer verblüffend subtilen Art. Ein weiterer Aspekt: Wir bieten mit Hilfe des Buchs ein visuelles Setting, das eine Identifikationsmöglichkeit liefert. Das ist einfacher als eine Identifikation, die rein über Sprache oder fachliche Begriffe funktioniert. Traumatisierte können sich außerdem in der Regel nur schwer konzentrieren, denn sie sind vollauf mit ihren eigenen Symptomen beschäftigt. Auch das Lesen und das Verständnis längerer Texte ist durch die Erkrankung beeinträchtigt. Das Medium Bilderbuch bietet hier ein niedrigschwelliges Angebot, sich dennoch mit PTBS und den Ursachen auseinander zu setzen. Zusätzlich existiert ein Sachanhang mit Hintergrundinformationen.


Trauma scheint nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema zu sein. Insbesondere bei Berufsgruppen, die in der öffentlichen Wahrnehmung als stark und unverwundbar gelten. Wie viele traumatisierte Polizistinnen und Polizisten gibt es in Hessen? Und welches Angebot steht diesen Betroffenen zur Verfügung?

Es gibt keine statistische Erhebung, mit wie vielen traumatisierten Polizistinnen und Polizisten wir es in Hessen jährlich zu tun haben. Aber wir wissen: Pro Jahr haben wir (PSU-Netzwerk und ZPD-PSU) Kontakt zu ca. 2500 Bediensteten der hessischen Polizei. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Es kann um die Prävention psychischer Folgeschäden gehen, wenn Polizistinnen und Polizisten im Einsatz belastende Erfahrungen machen. Nach potentiell kritischen Ereignissen bieten wir mit unserer 24/7 Rufbereitschaft Einsatzbeteiligten standardmäßig psychosoziale Notfallversorgung an - auch hier geht es um Prävention und das Verhindern psychischer Erkrankungen.

Aber auch bei persönlichen Problemen, die Bedienstete der Polizei nicht ohne Unterstützung lösen können, stehen wir beratend zur Seite. Dabei geht es zum Beispiel um Beziehungsprobleme, Sucht, Depression oder Suizidalität.

Hinter dem Kürzel PSU steckt übrigens der Begriff „Psychosoziale Unterstützung". Ein Netzwerk, das die Polizei Hessen unterhält und das aus 11 regionalen Personalberatungsstellen mit hauptamtlichen Sozialberaterinnen und -beratern sowie ca. 140 nebenamtlichen Sozialen Ansprechpartnerinnen und -partnern besteht.


Wie sind Sie auf das Künstlerinnen-Duo Kathrin Schrocke und Lilli L 'Arronge gekommen?

Wir nutzten bereits das von den Künstlerinnen entwickelte Bilderbuch „Schattige Plätzchen", welches ursprünglich für Kinder traumatisierter Soldatinnen und Soldaten konzipiert wurde, in unseren Beratungen.

Da das Thema psychische Erkrankung nach wie vor sehr schambesetzt ist und das Sprechen darüber mitunter schwerfällt, erwies sich das Buch als ideale Ergänzung. Nicht nur, um einen Anreiz zu bieten, über die eigenen Symptome zu sprechen, sondern auch, um selbst mit Familienangehörigen der Betroffenen in Kontakt zu treten. So entstand die Idee, ein eigenes Buch in Auftrag zu geben, dass die besondere Situation der Beschäftigten der Polizei in den Fokus nimmt. Mit der Hessischen Polizeistiftung, der Heinrich-Mörtl-Stiftung sowie dem Landespolizeipräsidium und der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit fanden wir großzügige Kooperationspartner, die unser Vorhaben dankenswerterweise finanziell unterstützten.


Kurzinterview mit Kathrin Schrocke (Autorin):


Die Polizei als Auftraggeber gehört für Künstlerinnen und Künstler vermutlich nicht zum Alltagsgeschäft. Inwiefern unterscheidet sich ein solches Projekt von denen, die Sie für den normalen Buchmarkt konzipieren?

Es mag verwirrend klingen: Aber ein Buch, das nicht für den normalen Buchmarkt entwickelt wird, liefert in der Regel wesentlich mehr künstlerische Freiheiten als eine Publikation, die am Ende im Regal einer Buchhandlung landet. Jegliche kommerzielle Verwertbarkeit rückt in den Hintergrund, und es geht ausnahmsweise wirklich nur darum, ein Thema so zu gestalten, dass es diejenigen erreicht und berührt, die davon betroffen sind. Ein weiterer Unterschied besteht in der Teamarbeit. In der normalen Buchentwicklung lernen sich Autorin und Illustratorin meist gar nicht kennen. Ein Unding, wenn man bedenkt, wie wichtig es ist, dass Plot, Bild und Text eine inhaltliche und ästhetische Einheit bilden sollten.


Wie sah die Zusammenarbeit mit dem ZPD konkret aus?

Wir verstanden uns von Anfang an als Team und versuchten, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Es ging weder uns Künstlerinnen noch den Auftraggebenden einfach nur darum, ein Sachbuch zum Thema „PTBS bei der Polizei" zu entwickeln. Wir alle hatten einen künstlerischen Anspruch, der von allen Beteiligten sehr ernst genommen wurde. In mehreren Treffen entwickelten wir das Buch, die Bildsprache und Metaphorik also gemeinsam. Ein Prozess, der sich über eineinhalb Jahre zog.


Was war die besondere Herausforderung bei der Entwicklung des Bilderbuchs „Der rote Faden"?

Auf dem deutschen Buchmarkt herrscht eine strenge Einteilung in Genres. Bilderbücher für Erwachsene? So etwas gibt es eigentlich nicht. Dieses Vorurteil zu entkräften und zu beweisen: doch, das funktioniert eben schon, war vielleicht die größte Herausforderung für uns Künstlerinnen. Dicht gefolgt von der Frage, wie man eine unsichtbare psychische Krankheit so darstellt, dass Betroffene mit ganz unterschiedlichen Lebens- und Krankheitsgeschichten sich dennoch wiedererkennen. Wir haben lange herumexperimentiert, bis die Idee des roten Fadens entstand. Ein Superheld, der am Ende emotional nackt dasteht und sich sein psychisches Rüstzeug mühsam wieder zusammen suchen muss ... Dazu gehört auch Mut von Seiten der Auftraggeber, den wir als Künstlerinnen wirklich zu schätzen wissen.


Kurzinterview mit Lilli L'Arronge (lllustratorin):


Eine psychische Erkrankung visuell darzustellen. Geht das überhaupt?

Ich glaube, dass über ein Bild ziemlich viel erzählt werden kann. Wenn ich einen Menschen zeichne, kann ich über Körperhaltung und Mimik, aber auch über Details im Hintergrund und die Farbgebung eine Grundstimmung vermitteln. Vielleicht sieht man nicht auf den ersten Blick, welche psychische Erkrankung exakt vorliegt. Aber der Betrachter bekommt sicherlich eine Ahnung. Viele dieser Wahrnehmungsprozesse laufen ja auch unterbewusst ab.



Das Bilderbuch ist für die Augen Erwachsener gedacht - und richtet sich nicht an Kinder. Wie sind Sie mit dieser Herausforderung umgegangen?

Wichtig ist mir, die Betrachtenden ernst zu nehmen, sie abzuholen und Gefühle in ihnen auszulösen. Ob es Kinder sind oder Erwachsene macht da für mich gar nicht den großen Unterschied. Für Erwachsene arbeite ich vielleicht reduzierter bei den Farben.


Glauben Sie an die heilende Kraft von Bildern?

Wenn Kunst es schafft, zu berühren, dann kann dadurch möglicherweise ein erster Schritt in Richtung Heilung in Gang gesetzt werden. Aber noch mehr glaube ich an die Kraft von Geschichten in Kombination mit Bildern (oder umgekehrt). Wobei es bei schwerwiegenden psychischen Erkrankungen natürlich immer einer professionellen Begleitung bedarf, um das ganze Potenzial auszuschöpfen. Sonst bleiben die Betrachtenden womöglich mit ihren Gefühlen verwirrt zurück und der Impuls verläuft ins leere.


(Quelle: Intranet der Polizei Hessen, 13.01.2026)

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
VR-Brillen für die Fortbildung

Die Heinrich-Mörtl-Stiftung finanziert die Anschaffung eines Seminarsatzes von Virtual-Reality-Brillen für verschiedene Fortbildungszwecke an der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit

 
 
 
Medienpreis 2025

Die Heinrich-Mörtl-Stiftung zur Förderung der Aus- und Fortbildung der Polizeibediensteten des Landes Hessen zeichnet alle zwei Jahre herausragende journalistische Bericht-erstattung über die Arbeit o

 
 
 

Kommentare


bottom of page